Gottesdienst zum Karfreitag

Coburg, 10. April 2020

 Gottesdienst am Karfreitag 

zu Hause und mit allen –

durch den Geist verbunden

 Liebe Gemeinde, liebe Nachbarn im Viertel,

In vielen Gemeinden schweigen von Karfreitag bis zum Ostermorgen die Glocken. Dieses Jahr schweigt auch die Kirchenmusik. Karfreitag ohne die wunderbaren Choräle, das fällt mir schwer. Ohne Paul Gerhards „O Haupt voll Blut und Wunden“, in dem der Schmerz Jesu so eindrücklich zum Ausdruck kommt und gleichzeitig der Trost schon vorsichtig anklingt. Ja, es ist dieses Jahr wirklich alles anders. Und es gilt, die Leere des Karfreitags auszuhalten. Noch ist es nicht Ostern.

Ich wünsche uns allen einen gesegneten Gottesdienst.

Gott behüte Sie und Ihre Lieben. Bleiben Sie gesund.

Herzliche Grüße,

Detlev Juranek

 

Kerze anzünden

Stille 

Votum

Gott,
ich bin hier (wir sind hier)
allein
und doch durch deinen Geist alle miteinander verbunden
So feiere ich, so feiern wir

räumlich getrennt und doch vereint
in deinem Namen Gottesdienst

Im Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes

 

Psalm 22 

Mein Gott, mein Gott,

warum hast du mich verlassen?

 Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.

 Ach Gott, des Tages rufe ich,

doch du antwortest nicht,

und des Nachts finde ich keine Ruhe.

 

Auf dich bin ich geworfen

vom Mutterleibe an;

von meiner Mutter Schoß an

bist du für mich Gott.

 

Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe.

Es ist sonst keine Hilfe hier.

 Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,

 mein Herz ist in meinem Leib

 wie zerschmolzenes Wachs.

 

Aber du, Gott, sei nicht ferne;

meine Stärke, eile, mir zu helfen.

Denn du hast nicht verachtet

noch verschmäht das Elend der Armen

und dein Antlitz nicht vor ihnen verborgen;

und als sie zu dir schrieen, hörtest du es.

 

Gebet

 

Jesus Christus,

du neigst dein Leben in unsere Nacht,

und mit deinem Licht scheinst du in unsere Finsternis.

Du wirst uns ein Bruder und verbindest dich mit uns.

Du lieferst dich dem Gesetz der Menschen aus

und teilst ihr Los.

 

Du kommst den Armen nahe

und dringst ein in unser Leid.

Du machst unsere Schmerzen zu deinen.

Du fliehst nicht die Not der Welt

und den Jammer der Zeit.

 

Du hältst uns die Treue bis zum Tod,

bis zum Tod am Kreuz.

Du kamst in die Fülle der Zeiten

und bleibst bis ans Ende der Tage.

Amen

 

Stille

 

Evangelium Markus 15

 

Und alsbald am Morgen hielten die Hohenpriester Rat mit den Ältesten und Schriftgelehrten,

dazu der ganze Hohe Rat,

und sie banden Jesus

und führten ihn ab und überantworteten ihn Pilatus.

 

Und Pilatus fragte ihn: Bist du der König der Juden?

Er aber antwortete ihm und sprach: Du sagst es. 

 

Und die Hohenpriester beschuldigten ihn hart.

Pilatus aber fragte ihn abermals und sprach:

Antwortest du nichts?

Siehe, wie hart sie dich verklagen!

Jesus aber antwortete nichts mehr,

sodass sich Pilatus verwunderte.

 

Er pflegte ihnen aber zum Fest einen Gefangenen loszugeben, welchen sie erbaten.

Es war aber einer, genannt Barabbas,

gefangen mit den Aufrührern,

die beim Aufruhr einen Mord begangen hatten.

 

Und das Volk ging hinauf und bat,

dass er tue, wie er ihnen zu tun pflegte.

 

Pilatus aber antwortete ihnen:

Wollt ihr, dass ich euch den König der Juden losgebe?  

Denn er erkannte,

dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.

 

Aber die Hohenpriester wiegelten das Volk auf,

dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgebe.

 

Pilatus aber antwortete wiederum und sprach zu ihnen: Was wollt ihr dann, dass ich tue mit dem,

den ihr den König der Juden nennt?

Sie schrien abermals: Kreuzige ihn!

Pilatus aber sprach zu ihnen:

Was hat er denn Böses getan?

Aber sie schrien noch viel mehr: Kreuzige ihn!

 

Pilatus aber wollte dem Volk Genüge tun

und gab ihnen Barabbas los

und ließ Jesus geißeln

und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt würde.

 

Die Soldaten aber führten ihn hinein in den Palast,

das ist ins Prätorium,

und riefen die ganze Kohorte zusammen 

und zogen ihm einen Purpurmantel an

und flochten eine Dornenkrone

und setzten sie ihm auf

und fingen an, ihn zu grüßen:

Gegrüßet seist du, der Juden König!

 

Und sie schlugen ihn mit einem Rohr auf das Haupt

und spien ihn an und fielen auf die Knie

und huldigten ihm.

 

Und als sie ihn verspottet hatten,

zogen sie ihm den Purpurmantel aus

und zogen ihm seine Kleider an.

Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.

 

Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam,

den Vater des Alexander und des Rufus,

dass er ihm das Kreuz trage.

 

Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha,

das heißt übersetzt: Schädelstätte.

Und sie gaben ihm Myrrhe im Wein zu trinken;

aber er nahm's nicht.

 

Und sie kreuzigten ihn.

 

Und sie teilten seine Kleider

und warfen das Los darum,

wer was bekommen sollte.

 

Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.

Und es stand geschrieben, welche Schuld man ihm gab, nämlich: Der König der Juden.

 

Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber,

einen zu seiner Rechten und einen zu seiner Linken. 

 

Und die vorübergingen,

lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst

und baust ihn auf in drei Tagen,

hilf dir nun selber und steig herab vom Kreuz!

 

Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen

und kann sich selber nicht helfen.

Der Christus, der König von Israel,

er steige nun vom Kreuz,

damit wir sehen und glauben.

Und die mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch.

 

Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.

 

Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut:

Eli, Eli, lama asabtani?

Das heißt übersetzt:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

 

Und einige, die dabeistanden,

als sie das hörten, sprachen sie:

Siehe, er ruft den Elia.

 

Da lief einer und füllte einen Schwamm mit Essig,

steckte ihn auf ein Rohr,

gab ihm zu trinken und sprach:

Halt, lasst uns sehen,

ob Elia komme und ihn herabnehme!

 

Aber Jesus schrie laut und verschied.

 

Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 

Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach:

Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen! 

 

Und es waren auch Frauen da,

die von ferne zuschauten,

unter ihnen Maria Magdalena

und Maria,

die Mutter Jakobus des Kleinen und des Joses,

und Salome, 

die ihm nachgefolgt waren, als er in Galiläa war,

und ihm gedient hatten,

und viele andere Frauen,

die mit ihm hinauf nach Jerusalem gegangen waren.

 

 

Predigt

„Meine Tochter war heute noch gar nicht da. Wann kommt sie denn?“

Frau Meier hat sich ein wenig in ihrem Pflegebett aufgerichtet und schaut aus dem Fenster, von dem aus sie den Eingang des Seniorenheims sehen kann.

Die Pflegerin seufzt innerlich. Sie ist hundemüde und muss dringend weiter. Trotzdem nimmt sie sich noch einen Moment:

„Frau Meier, Ihre Tochter kann im Moment nicht kommen. Wegen dem Virus, das haben wir doch schon besprochen!“

Frau Meier schüttelt den Kopf:  „Aber sie kommt immer. Jeden Tag. Sie hat mich noch nie vergessen.“

„Frau Meier, ihre Tochter hat sie nicht vergessen. Sie darf nicht kommen. Damit Sie nicht angesteckt werden.“

„Aber morgen, morgen kommt sie dann?“

Die Pflegerin verdreht müde die Augen. Sie muss wirklich weiter.  „Vielleicht, Frau Meier, vielleicht morgen.“                                    

Sie weiß, dass das nicht stimmt. Aber morgen hat sie frei, und es war ein sehr langer und anstrengender Tag.

Frau Meier lässt sich zurück in ihr Bett fallen.  „Morgen…“ murmelt sie … „morgen wird sie kommen!“

Auf der Heimfahrt hat die Pflegerin ein schlechtes Gewissen. Sie hat Frau Meier Hoffnung gemacht – und morgen wird sie umso schlimmer enttäuscht sein. Ihre Hoffnung wird sie quälen.

Was ist eigentlich - Hoffnung? Was bedeutet das, wenn Menschen hoffen. Hoffen ist mehr als sich wünschen.   Hoffen, das berührt unser Leben:

Eine Hoffnung ist ein Bild, das wir von der Zukunft haben. Wenn wir hoffen, dann stellen wir uns vor: So wird es einmal werden.

Wenn wir eine große Hoffnung haben, die auf einmal enttäuscht wird – das sind die schlimmsten Augenblicke im Leben.

Denn wenn eine Hoffnung zerplatzt, dann ändert sich auch unsere Zukunft – dann ändert sich unser Leben.

Frau Meier musste in ihrem Leben schon viel ertragen. Als Kind wurde sie von ihrem Zuhause in Schlesien vertrieben,  nicht mal ihre Puppe durfte sie mitnehmen.                                  

Ihr Mann ist schon so früh gestorben und sie musste sich alleine um die Kinder und den Hof kümmern.

Vor ein paar Jahren dann der schlimme Sturz auf der Treppe und die lange Zeit im Krankenhaus. Und dann, nach dem nächsten Sturz – das Pflegeheim. Am Anfang hat sie noch gefragt, wann sie wieder nach Hause darf. Jetzt fragt sie nicht mehr.

Mit jedem dieser Schicksalsschläge ist auch eine ihrer Hoffnungen gestorben, jedes Mal ist die Zukunft gestorben, die sie sich vorgestellt hat.

Keine ruhige und glückliche Kindheit, kein miteinander alt werden, kein gesund bis ans Lebensende,  keine letzten Jahre zuhause.           

Nur auf ihre liebe Tochter konnte sie sich immer verlassen. Immer. Bis jetzt…

Der Karfreitag ist der Tag der zerstörten Hoffnung.

Die Jünger, die ihren Arbeit, ihre Familie, ihre Sicherheit für ein Leben mit Jesus geopfert haben, sehen ihre Hoffnung am Kreuz sterben.

Viele,die in Jesus den gesehen haben, der ein neues jüdisches Reich aufbaut, einen Anführer, der die Herrschaft der Römer beendet, müssen sehen – diese Zukunft wird es nicht geben.

Petrus, der sich so gern als den starken und treuen Begleiter von Jesus gesehen hat, den treuesten der Jünger – er muss erkennen,dass er sich in sich selbst getäuscht hat.  

Als es hart auf hart kommt, hat er Angst und lässt Jesus im Stich. Und danach tut er so, als ob er ihn nicht kennen würde.

Zerstörte Hoffnungen. Und wenn Hoffnung stirbt – bleibt erst einmal nichts als Leere zurück.

Als damals ihr Mann plötzlich gestorben ist, hat es Frau Meier den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie hatten für die Zukunft so viele Pläne gemacht, das Haus renovieren, wenn die Kinder größer sind auch mal verreisen, einfach zusammen alt werden. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass das Leben nach so einem schweren Schlag weitergehen kann. Mit ihrem Mann ist damals ihre Zukunft gestorben. Sie war alleine – und verlassen.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ schreit Jesus.  Die Schmerzen und der Durst sind unerträglich. Die Nägel brennen in den offenen Wunden. All seine Hoffnung ist zerstört. Er wird sterben. Gott selbst hat keine Hoffnung mehr. Gott selbst spürt, was es heißt, von Gott verlassen zu sein.

„Meine Tochter war heute noch gar nicht da.Wann kommt sie denn?“Frau Meier fragt bereits das dritte Mal. Der Pfleger, der heute Dienst hat, ist genervt. „Frau Meier, ihre Tochter kommt nicht. Heute nicht, und morgen auch nicht. Stellen Sie sich darauf ein, dass das noch länger so geht!“

Der Pfleger muss weiter. Er merkt nicht, dass für Frau Meier gerade eine Welt zusammenbricht. Ihre Tochter, ihr letzter Hoffnungsanker, kommt nicht mehr. Das wars.

Frau Meier, die Jünger, Jesus – sie alle schreien „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“  Für sie gibt es keine Zukunft.

Der Karfreitag ist der Tag der zerstörten Hoffnung.

Gott selbst hat das erlebt. Er selbst hat es erlebt, was es bedeutet,  wenn alle Hoffnung zerstört ist, wenn man alleine und verlassen sterben muss.

Es gibt Momente in unserem Leben,  da geht es uns wie Frau Meier, da möchten wir einfach nur schreien:  „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Wenn wir Gott nicht spüren, wenn unsere Hoffnung zerstört und unsere Zukunft gestorben ist – dann dürfen wir uns daran klammern,   dass Gott in Jesus Christus das auch erlebt hat, dass er weiß, wie wir uns fühlen, dass er mit uns leidet,  auch wenn wir ihn gerade nicht spüren.

In unseren schwärzesten Stunden ist Gott da – auch wenn wir ihn nicht spüren. Das Dunkel und die Leere aushalten, und entgegen allem Erleben darauf hoffen: Gott ist da. Das ist Karfreitag. Amen

 

Fürbitt-Gebet

Barmherziger Gott,

ich bitte dich für alle Menschen in den Wohn- und Pflegeheimen, die vom Besuch ihrer Lieben abgeschnitten sind.  Ganz besonders für die Verwirrten.  Schenke ihnen Pflegerinnen und Pfleger,die ihnen mit viel Geduld und Liebe immer wieder neu erklären, weshalb Besuch derzeit nicht möglich ist.

Schenke allen Pflegenden jeden Tag neu die Kraft und Geduld,  für die ihnen anvertrauten Menschen da zu sein. Bewahre sie vor Überforderung, schenke ihnen Zeit zur Erholung und schütze sie vor Ansteckung.                                                                   

Barmherziger Gott,

ich bete für die Alleinstehenden. Lass sie den gebotenen Rückzug nicht als Einsamkeit erleben. Stell ihnen Menschen zur Seite, die für sie da sind und für die sie da sein können Hilf uns, gerade jetzt die Einsamen nicht zu vergessen, sondern Gemeinschaft leben, die alle trägt.

Ich bete für die Menschen, die als Paar oder Familie zusammen leben. Schenke ihnen, dass sie die gemeinsame Zeit als Bereicherung und Glück erfahren. Bewahre sie vor belastenden Konflikten. Wehre allem Missbrauch und aller Gewalt an Leib und Seele.

Ich bitte dich für alle, die von Ihren Lieben getrennt sind.Höre ihre Sorgen und lindere die Sehnsucht. Schenke ihnen Phantasie, auf neue Weise miteinander Gemeinschaft zu leben.

 

Vaterunser

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.  Amen.

 

Ein Segen aus Italien

 

Sie sagen,

wir müssen uns gegenseitig segnen.

Darum segne ich dich

im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Ich segne Dich,

dein Herz, Dein Leben, Deine Gesundheit,

Dein Zuhause, Deine Familie,

Deine Arbeit, Deine Finanzen,

Deine Pläne, Träume, Zukunft und Frieden.

Im Namen Jesu. Amen

 

Stille

Kerze auspusten