Gottesdienst am 8. Sonntag nach Trinitatis (Lesegottesdienst von Dekan Jürgen Hacker)

8. Sonntag nach Trinitatis 2020 (Johannes 9, 1-7)

Musik

Votum

P: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

G: Amen.

P: Der Herr sei mit Euch

G: und mit deinem Geist

 

Freie Begrüßung

Liebe Gemeinde,

ich begrüße Sie zu diesem Gottesdienst am 8. Sonntag nach Trinitatis. Thema dieses Sonntags sind die Früchte des Heiligen Geistes

Wochenspruch Epheser 5,8f

Lebt als Kinder des Lichts;

die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.    

Den abgedruckten Lesegottesdienst hat Dekan Jürgen Hacker aus Bayreuth erarbeitet

Eingangslied EG 440, 1-4 All Morgen ist ganz frisch und neu

 

Hinführung zum Confiteor - Gebet

 

Barmherziger Gott,

als deine Gemeinde kommen wir unter deinem Wort zusammen.

Wir bringen alles mit,

was gelungen ist und was uns missraten ist

im Umgang mit dir, mit unseren Mitmenschen und mit deiner Schöpfung.

 

Wir spüren,

wie oft wir versagt haben, wenn uns andere gebraucht hätten.

Wir werden ungerecht,

weil wir mit uns selbst nicht zufrieden sind und lassen diese Unzufriedenheit an anderen aus.

Darum wollen wir jetzt still werden

und loslassen, was wir festhalten und was uns festhält.

Stille

Vor Gott bringen wir unsere Wünsche und Hoffnungen,                                                              unsere Sorgen und Ängste                                                     unser Versagen und unsere Schuld                                              und bitten: Gott, sei mir Sünder gnädig.

G      Der allmächtige Gott erbarme sich unser,

er vergebe uns unsere Sünde

und führe uns zum ewigen Leben.

Amen.

 

Kyrie-Lied EG 178.9

 

Zuspruch

 

Gott hat sich unser erbarmt.

Er befreit uns aus unseren engen Grenzen,

auf dass wir anderen unsere Liebe Zeit und Kraft in Freiheit schenken können.

Wer auf Gott vertraut und getauft ist,

der wird selig werden.

Das verleihe Gott uns allen

 

P: Lobe den Herren meine Seele,

         und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

G: Der dir alle deine Sünde vergibt,

         und heilet alle deine Gebrechen,

der dein Leben vom Verderben erlöst,

der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit

 

Ehre sei Gott in der Höhe

und Frieden allen Menschen, die guten Willens sind.

 

Glorialied EG 179.1 Allein Gott in der Höh
 

Kollektengebet

 

Lasst uns beten

 

Gott, in deinem Licht

wachsen Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Wir bitten dich:

Sende dein Licht in unsere Dunkelheit,

dass unsere Härte der Güte weicht

und die Lüge der Wahrheit,

dass wir dem Leben gerecht werden als Kinder des Lichtes

im Geist unseres Herrn Jesus Christus.

 

Lesung

 

Glaubensbekenntnis

 

Lied EG 263, 1-5 Sonne der Gerechtigkeit

 

Predigt Johannes 9,1-7

1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.

2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?

3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden

7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Herr, segne unser Reden und Hören durch deinen Heiligen Geist. Amen.

Predigt

I.

Liebe Gemeinde!

„Viele Menschen fragen: Was ist schuld daran?

Warum kommt das Glück nicht zu mir?

Fangen mit dem Leben viel zu wenig an.

Dabei steht das Glück schon vor der Tür.

Wunder gibt es immer wieder,

heute oder morgen können sie geschehen“,

So sang Katja Ebstein vor 50 Jahren.

„Wunder gibt es immer wieder,

wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen.“

Der Blindgeborene, nennen wir ihn Jakob, von dem Johannes hier erzählt, kannte das Lied natürlich nicht. Und wenn er es gekannt hätte, hätte er sich über den Text sicher geärgert – purer Zynismus in seinen Augen. „Wunder gibt es immer wieder, du musst sie nur sehen.“ Als Blinder soll ich Wunder sehen? Wie soll das denn gehen.

Doch dann ist ein Wunder an ihm geschehen. Jakob konnte sehen – zum ersten Mal in seinem Leben sehen.

Ich stelle mir vor, dass der sehend gewordene Blindgeborene am Abend dieses ereignisreichen Tages noch lange wachliegt. Stück für Stück, Moment für Moment versucht Jakob, den zurückliegenden Tag Revue passieren zu lassen. Er ging, auch an diesem Sabbatmorgen, wie jeden Tag früh aus dem Haus und setzte sich an ein Tor des Tempels, um zu betteln. In den Tempel hinein durfte er als Behinderter nicht. Viele Menschen gingen achtlos an ihm vorüber, manche warfen Kleingeld in seine Schale. Er nickte dann stumm. Plötzlich hörte er Stimmen. Jakob spürte, dass die, die da sprachen, über ihn redeten: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blindgeboren ist?

Jakob kannte diese bohrende Frage nur zu gut. Wie oft hatte er sie schon gehört in seinem Leben. Wie oft hatte er sich diese Frage schon selbst gestellt. Wie oft gegrübelt, wer oder was genau an seinem Schicksal schuld war. Er hatte nie eine Antwort darauf erhalten.

Doch der fremde Rabbi ging auf die Frage nicht ein. Jakob spürte plötzlich, dass eine Hand ihn berührte und ein Brei über seine Augen gestrichen wurde. Dann hörte er wieder die Stimme des Fremden: Geh zu dem Teich Siloah und wasche dich!

Vieles ging Jakob gleichzeitig durch den Kopf. Doch schließlich rief er laut nach Bekannten, die in der Nähe wohnten. Sie halfen ihn, zum Teich Siloah zu kommen. Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

II.

Jakob konnte seine Freude gar nicht fassen. Aber noch ehe er recht begriff, was an ihm geschehen war, fand er sich inmitten seiner Nachbarn wieder. Sie wollten genau wissen, wer ihn heilte. Jakob nannte den Namen: Jesus. Doch dann mischten sich Pharisäer ein. Sie bezichtigten Jesus der Übertretung des Sabbatgebotes – er heilte Jakob ja mithilfe eines angerührten Breis. Das ist am Sabbat streng verboten. Die Pharisäer stritten untereinander: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?[1]

Jakob geriet in ein Streitgespräch mit ihnen. Er verteidigte Jesus. Schließlich wurde es den Pharisäern zu bunt: Sie stießen ihn von sich. Dann traf Jakob an diesem Tag Jesus ein zweites Mal. Der hatte wohl gehört, dass sie ihn ausgestoßen hatten und fragte: Glaubst du an den Menschensohn? Jakob war irritiert: Herr, wer ist's, auf dass ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn ja gesehen, und der mit dir redet, der ist's. Da fiel es Jakob wie Schuppen von den Augen und er antwortete Jesus: Herr, ich glaube. Und er betete ihn an.[2]

Jakob war, als wäre ein zweites Wunder an ihm geschehen. Er, den viele seiner Mitmenschen als von Gott durch Krankheit bestraft ansahen, konnte ihn mit eigenen Augen sehen – Jesus, den von Gott Gesandten, den Retter, den Heiland. Er spürte plötzlich: Gott ist mir nahe.

Wer weiß, wenn Jakob das Lied gekannt hätte, ob er es nicht leise gesummt hätte in dieser Nacht: „Wunder gibt es immer wieder. Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen.“

III.

Ein ganzes Kapitel lang berichtet der Evangelist Johannes von der Heilung des Blindgeborenen. Unser Predigtwort ist nur der Beginn dieser Geschichte. Am Ende sieht der Blindgeborene mehr – er erkennt in Jesus das Licht der Welt.

Es fällt auf, dass Jesus nicht eingeht auf die Frage seiner Jünger. Die Jünger fragen nach dem Zusammenhang von familiärer Schuld und persönlichem Schicksal. Jesus lehnt den Hang zur Ursachenforschung ab. Es gibt keine Antwort auf das Woher und Warum. Er fragt nicht nach menschlichen Gründen zurück, sondern nach göttlichen Zielen vorwärts. Dabei ist uns allen die Frage der Jünger so nahe – die Frage nach dem Warum? Warum ist das mir geschehen – diese Krankheit, dieser Schicksalsschlag?

Warum muss ein Mensch so viel mitmachen, so viel durchleiden in seinem Leben?

Warum ziehen manche Menschen das Unglück geradezu magisch an, während andere scheinbar immer nur Glück haben?

Warum muss ein junger Mensch sterben – und nicht manch ein alter Mensch in einem Pflegeheim, der sehnsüchtig auf den Tod wartet?

Warum bekommen Eltern, die alles dafür geben würden, keine Kinder, während andere sie wie Müll in der Tonne entsorgen?

„Viele Menschen fragen: Was ist schuld daran? …“

Jesus zerreißt mit seiner Antwort den Zusammenhang von Krankheit und Sünde. Die Gleichung, die viele Menschen, aufstellen: Einem guten Menschen geht es gut, einem bösen schlecht, diese Gleichung geht niemals auf. Was auch immer die Ursache des Leidens sein mag; welche Rätsel ungelöst unser Leiden umgeben, es liegt in Gottes Absicht, seine befreiende Liebe an uns zu zeigen!

IV.

Jesus schenkt einen neuen Blick. Not und Krankheit haben nicht mehr die Sünde zur Ursache, sondern Jesus zum Ziel! So öffnet Jesus nicht nur dem Blinden die Augen, sondern auch seinen Jüngern. Offene Augen stehen am Anfang jeder Diakonie.

Das ist unsere Aufgabe als Christen: dass wir die sehen, die in Not sind. Dass wir nicht achtlos an denen vorübergehen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Das ist unser Dienst, dass wir Menschen in Jesu Namen wahrnehmen und ihnen helfen. Wir sind gerufen, uns mit der Tatsache einer leidvollen Welt nicht einfach abzufinden.

Wenn eine Familie heillos zerstritten ist, wenn der eine nicht mehr mit dem anderen spricht, weil so viel Schuld dazwischensteht. Dann genügt es nicht zu fragen: Wer hat eigentlich Schuld – die einen oder die anderen? Die Werke Gottes wirken, seine befreiende Liebe an uns aufzeigen heißt konkret, die Schuld überwinden. Den ersten Schritt aufeinander zu gehen.

Wenn in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis nach einem schweren Motorradunfall ein junger Mann querschnittsgelähmt zu Hause liegt und die verzweifelten Eltern nicht mehr aus noch ein wissen. Dann genügt es nicht, nach der Ursache zu fragen und banal festzustellen: Das musste ja so kommen. Gerade in einer solchen Situation gilt es die Eltern und den bleibend Verletzten nicht auszugrenzen, sondern beizustehen in ihrem Leid.

Wenn politische Parteien ihre Gegner in blindem Hass bekämpfen, wenn das politische Klima zerstört wird, wenn unsere Gesellschaft in der Diskussion sprachlich zu verrohen droht, können wir uns nicht heraushalten. Dann sind wir dazu aufgerufen, die vergiftete Atmosphäre auf eine sachliche Ebene zu bringen. (Diese Beispiele können durch andere ersetzt werden)

Wir sind Licht, und bringen so Licht in das Dunkel von Leid, Streit, Hass und Schuld.

V.

Ein weiterer Gedanke: Jesus erweist sich hier als der Wieder-Zurecht-Bringer der guten Schöpfung Gottes. Er bringt als der Gottessohn das endzeitliche Heil für die Menschen. Er ist gekommen, zu verkündigen das Evangelium den Armen, gesandt zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, den Blinden, dass sie sehen sollen und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen.[3] Jesus geht es darum, heil zu machen, und das ist mehr, als gesund machen!

Was sich in der Geschichte am Blindgeborenen ereignet, vollzieht sich an jedem Menschen, der zum Glauben an Jesus Christus kommt. Er wird vom Licht der Welt aus seiner Blindheit herausgeholt und wird so zum wahrhaft Sehenden. Gegenüber dem Licht der Welt, Jesus Christus, befinden sich zunächst alle Menschen von Geburt an im Zustand der Blindheit, unabhängig von ihren bisherigen Taten. Der Mensch ist sozusagen von Geburt an geistlich blind. Alle bedürfen quasi einer Neugeburt, um sehend zu werden.

Vielen von uns klingt die Auslegung Martin Luthers zum dritten Glaubensartikel im Ohr: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten …“

Es geht um die innere Erleuchtung, dass Jesus der Messias ist. Jesus selber führt zum Glauben. Er öffnet dem, der wieder sehend geworden ist, auch das innere Auge. Das ist das zweite Wunder.

Hans Bruns, norddeutscher Pfarrer und Bibelübersetzer, erzählt:

„Auf einem Bahnhof will ich telefonieren und suche den Lichtschalter. Es ist keiner da. Und in der Telefonzelle ist es dunkel. Da tritt ein freundlicher Herr auf mich zu und sagt: ‚Sie müssen eintreten, dann wird es hell!‘

Ich tat es, und so geschah es. Nach Beendigung des Gesprächs gab mir die Sache zu denken. Manche Menschen möchten auch „Licht“ in ihre vielen Fragen um den Glauben hineinbekommen; aber sie wollen erst sehen und Klarheit haben über alles, um dann glauben zu können.

Es geht aber nur umgekehrt: Wir müssen erst in die verhüll­te Welt des Glaubens eintreten, dann werden wir „sehen“ – und Wunder erleben! Also müssen wir es einfach wagen und buchstäblich alles auf eine Karte setzen.“[4]

„Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen können sie geschehen. Wunder gibt es immer wieder. Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen.“ Amen.

 

Lied EG 318, 1-5 O gäubig Herz, gebenedei

 

Fürbitten

 

In dieser Woche war der Tag der Freundschaft

 

Lasst uns beten

 

Barmherziger Gott,

ich danke dir für das Geschenk der Freundschaft,

für Freundinnen und Freunde.

Ich danke dir,

dass es Menschen in meinem Leben gibt,

die mit mir ein „Weißt du noch..“ teilen

und sich über einen alten Witz schief lachen,

die über einen Glas Wein schweigen können

und auch das Ungesagte verstehen.

 

Ich danke dir,

dass du mir Freunde geschenkt hast, Vertraute, Seelengeschwister,

die ich jederzeit anrufen darf.

Die mir wirklich zuhören,

hinter das Gesagte hören,

ohne mich gleich mit Ratschlägen zu überhäufen. Freunde, die auch wahrhaftig und offen sind,

mir den Kopf waschen,

wenn ich mich verrannt habe,

die Kritik so anbringen,

dass sie nicht verletzt sondern mir weiterhilft.

 

Ich danke dir für Freundinnen und Freunde,

die sich vollen Herzens für mich freuen,

wenn mir etwas gelingt, - ohne Neid.

Die mein Glück übers Teilen und Mit-Freuen noch größer machen.

 

Ich danke dir für vertraute Menschen,

denen ich auch meine Misserfolge und Fehler sagen kann,

die auch meinen Schatten sehen,

das was mich wenig liebenswert macht

und die mich dennoch nicht im Stich lassen.

 

Ich danke dir für Freundinnen und Freunde,

die zu ihrem Wort stehen

und da sind, wenn ich sie brauche.

Ich bitte dich, hilf mir, auch selbst so ein Freund zu sein. Amen

 

Vater Unser

Segen

Nachspiel


[1] Joh 9,16

[2] Joh 9,35-38

[3] Vgl. Lk 4,16ff.

[4] zitiert nach: Hört ein Gleichnis, Band 2, Seite 15.