10. Sonntag nach Trinitatis - Israelsonntag

Der Israelsonntag ist traditionell der Sonntag an dem des Verhältnisses zwischen Juden und Christen gedacht wird. Ich finde es schade, dass der Sonntag meist in die Sommerferien fällt und deswegen oft nur wenig Beachtung findet. Dabei ist der Anlass so wichtig, wie nicht zuletzt der Anschlag auf die Synagoge in Halle gezeigt hat oder die Tatsache, dass alle jüdischen Schulen unter Polizeischutz stehen müssen.

Eines meiner liebsten Lieder im Gesangbuch ist „Freunde dass der Mandelzweig“. Es stammt aus der Feder von Shalom Ben-Chorim, der so viel für die Verständigung von Juden und Christen nach dem 2. Weltkrieg getan hat. „Bruder Jesus“ lohnt sich auch heute (wieder neu) zu lesen.

Als kleinen Gruß aus dem Urlaub füge ich die Predigt meines Kollegen  Matthias Groeneveld bei.

Gesegnete Tage, Detlev Juranek  

 

Predigt

Friedrich Rosenthal wird 1913 in München geboren.

Ostern sucht er bunte Eier im Garten.

Weihnachten riecht es nach Lebkuchen und Marzipan.

Friedrich Rosenthal macht in München sein Abitur, eine Lehre und studiert.

Er wird verhaftet. Immer wieder verhaftet. Zusammengeschlagen. Verfolgt.

Er flieht. 1935 flieht er nach Israel, das es damals noch gar nicht gab.

Flieht nach Palästina. In eine Idee, die seinen Verfolgern, den Nazis ein Dorn im Auge war: Ein jüdischer Staat.

Ein Staat für das Volk, das die Nazis auszurotten gedachten. Und taten: Besessen von der Auslöschung, vom Töten.

Fast. Fast wäre ihnen das gänzlich gelungen.

Zum Glück nicht. Gott sei Dank nicht.

Friedrich Rosenthal heißt da schon lange nicht mehr Friedrich Rosenthal.

Er heißt „Frieden, Sohn der Freiheit“ – Schalom Ben-Chorin.

Den Frieden trägt er im Namen. Und fragt selbst:

„Muss man nicht ein bisschen verrückt sein, um die Hoffnung nicht aufzugeben in dieser Welt?“

Er zweifelt. Natürlich zweifelt er. Wie so viele Juden.

Ob Gott sein Volk fallen lassen hat? Ob Gott Israel nicht mehr die Treue hält?

„Können wir nach Auschwitz noch glauben? Können wir Gott vergeben, dass er dem entmenschten Menschen nicht gewehrt hat?“, fragt er.

Die Grausamkeit, die seine jüdischen Geschwister erfahren, lässt nur ein „Ja“ auf diese Fragen zu.

Aber Schalom Ben-Chorin ist ein bisschen verrückt.

Er gibt die Hoffnung nicht auf.

Seine Hoffnung auf Gott.

In dieser Welt.

Wie? Eine Antwort findet er im Hohelied der Liebe des Juden und späteren Christen Paulus, im Neuen Testament:

„Die Liebe hofft alles, sie duldet alles. … Die Liebe hört niemals auf.“

Die Liebe hört niemals auf.

Der Hass darf nicht weitergegeben werden von Generation zu Generation.

Schalom Ben-Chorin ist Journalist, Religionswissenschaftler, Schriftsteller. Und Dichter.

Noch im Zweiten Weltkrieg dichtet er:

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“

Den Mandelzweig sieht er wirklich blühen.

Den Mandelbaum kann er aus seinem Arbeitszimmer sehen.

Es ist Krieg. Es ist eine furchtbare Zeit und Schalom Ben-Chorin sieht nach draußen und sieht, wie die Mandelblüten blühen.

Auch in schrecklichen Zeiten, auch im Krieg, schickt der Frühling seine Vorboten.

Zartrosa und weiß kündigen die Blüten der Mandelbäume den Frühling an.

Sie sind ein Zeichen dafür, dass Hoffnung besteht, dass das Schlimme einmal vorbeigeht und dass es besser wird.

Schalom Ben-Chorin hat die Hoffnung auf Frieden nie aufgegeben, auch nicht für Israel und Palästina – Er ist eben ein bisschen verrückt.

Daran denken wir heute und sehen zugleich den sanften Fingerzeig des Friedens, wenn zwischen Israel und den Arabischen Emiraten diplomatisches Miteinander zaghaft erblüht.

„Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?“

Diese Zeilen greift Ben-Chorin nicht aus der Luft.

Sie stammen aus einer Stelle beim Propheten Jeremia, wo es heißt:

„Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus.“ (Jer 1,11f)

Im hebräischen Text steckt darin ein Wortspiel:

„Mandelzweig“ und „wachen“ klingen auf Hebräisch fast gleich.

Der Mandelzweig ist der Fingerzeig, dass Gott über seine Welt wacht.

Auch dann, wenn wir das fast schon gar nicht mehr wahrnehmen können.

Diese Hoffnung gibt Schalom Ben-Chorin nicht auf, auch im Krieg nicht.

Seine Hoffnung trotzt Verfolgung, Verhaftung, Töten, Auslöschen.

Wie der Mandelbaum hinter seinem Haus.

Irgendwann, der Krieg ist längst vorüber, Israel ein unabhängiger Staat und Ben-Chorin setzt sich für den jüdisch-christlichen Dialog ein, da bekommt er Besuch aus Deutschland, von einem Liedermacher, der seine Zeilen vertont hat.

Sein Besucher fragt nach dem Mandelbaum. Und Ben-Chorin erzählt:

Der Baum ist gefällt. Platten in den Hof gelegt.

Aber eines Tages brechen die Wurzeln des Baumes durch die Platten.

Der Mandelbaum findet seinen Weg.

Oder, wie Ben-Chorin sagt:

„Die Hoffnung ist nicht totzukriegen.“

Das lehrt uns Schalom Ben-Chorin, ein Jude.

Das hören wir heute, am Israelsonntag.

Im Evangelium hören wir vom Juden Jesus.

Jesu Antwort auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot.

Aus 613 Vorschriften, 248 Geboten und 365 Verboten, wählt Jesus als Antwort diese beiden:

„Das wichtigste Gebot ist dieses: ‚Höre, Israel! Der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit deinem ganzen Willen und mit deiner ganzen Kraft.‘

Das zweite ist: ‚Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.‘

Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden.“ (Markus 12,29-31)

Gott lieben und meinen Nächsten, das ist das wichtigste.

Das wichtigste Gebot ist nicht nur eins, sondern zwei, eigentlich sogar drei: Gott lieben. Meinen Mitmenschen lieben, wie ich mich selbst liebe.

Dieser Jude, Jesus, ist unser Weg zu Gott.

Über Jesus schreibt Ben-Chorin:

„Jesus ist für mich der ewige Bruder, nicht nur der Menschenbruder, sondern mein jüdischer Bruder.“

Von ihm hat er die Hoffnung, dass das Leben stärker ist als alles Böse.

Und deshalb spricht Ben-Chorin uns an: „Freunde“

Er will unsere Augen und unsere Herzen öffnen.

Er will uns zeigen, dass das Leben stärker ist als alle Todesmächte.

Diese Sehnsucht teilen die Menschen. Ob Christen, ob Juden.

Sie kann uns verbinden.

Sie kann uns zu Gott führen, durch alle Kulturen und Religionen.

Diese Hoffnung ist nicht totzukriegen.

„Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,

bleibe uns ein Fingerzeig, wie das Leben siegt.“

Amen.

Fürbitten von Brot für die Welt

Gib uns den Frieden - Dona nobis pacem

Sprecherin/Sprecher:

Am heutigen Sonntag feiert die evangelische Kirche den „Israelsonntag“. Wir bedenken das Verhältnis zum Judentum. Es gibt mehr als100 jüdische Gemeinden in unserem Land.

Liturgin/Liturg:

Barmherziger Gott                                                                                                               

lass uns die Vielfalt jüdischen Lebens unter uns entdecken.                                                              

Nimm uns beim Wort, wenn wir von Freundschaft mit Jüdinnen und Juden reden,  dass wir an der Seite unserer jüdischen Geschwister stehen gegen jede Art von Menschenverachtung und Feindschaft.                                                                              Das zersplitterte Holz an der Synagogentür von Halle lass uns Mahnung sein.                       

Wir bitten mit einer Stimme, was wir sonst mehrstimmig singen:                                                

Dona nobis pacem – Gib uns den Frieden. 

Sprecherin/Sprecher:

Die Explosion im Hafen von Beirut wird besonders die Not der über eine Million im Land lebenden syrischen Flüchtlinge in den kommenden Monaten dramatisch verschärfen. Die massiven Zerstörungen von Wohnungen und Getreidevorräten könnten zu dem zu einer Hungerkatastrophe führen.

Liturgin/Liturg:

Barmherziger Gott,                                                                                                             

kein anderes Land der Welt hat – gemessen an der Einwohnerzahl –                                          

so viele Flüchtlinge aufgenommen wie der Libanon.                                                                  

Lass uns das erkennen und den notleidenden Menschen unsere Hilfsbereitschaft schenken.                                                                                                                             

Segne den Einsatz der Helfenden.                                                                                    

Wir bitten mit einer Stimme, was wir sonst mehrstimmig singen:                                       

Dona nobis pacem – Gib uns den Frieden.

 

Sprecherin/Sprecher:

Die Zahl der mit Corona infizierten Menschen ist weltweit auf 20 Millionen angestiegen. Eine Millionen Menschen leben davon in den afrikanischen Staaten.

Liturgin/Liturg:

Barmherziger Gott,                                                                                                             

der einzelne mit Corona infizierte Mensch ist Ausdruck für einen Hilferuf.                         

Dich bitten wir in deiner Barmherzigkeit,                                                                                          

 die keine Unterschiede kennt und macht,                                                                                               

sei Beistand und Retter in der Not.                                                                                          

 Rufe unser Gewissen wach,                                                                                          

damit wir uns nicht einteilen in Arme und Reiche, Kranke und Gesunde,                      

sondern Geschwister auf dieser einen Erde sind.                                                                        

Wir bitten mit einer Stimme, was wir sonst mehrstimmig singen:                                              

Dona nobis pacem – Gib uns den Frieden. Amen